China steckt voller Überraschungen, so ist es immer wieder ein Glücksspiel, wenn man die zur Zeit sehr beliebten “Mooncakes” (kleine plätzchenförmige, mit Pasten gefüllte Leckereien) isst und dann aufgrund mangelnder Zeichenkenntnisse raten muss, was man denn da gegessen hat.
Ich habe meistens welche mit roter süßlicher Bohnenpaste erwischt – ist anfangs gewöhnungsbedürftig und wird ähnlich der “Panzerkekse” der Bundeswehr immer mehr im Mund, aber man gewöhnt sich daran und ich habe einen sehr leckeren mit Lotuskernfüllung gegessen und dann leider auch einen der leicht fleischig, süßlich geschmeckt hat und in dessen Packung, dann nach dem ersten Bissen kleine Krabbeltiere herumliefen – der lag wahrscheinlich zu lange in der Auslage – ausgespuckt, weggeschmissen und darüber gelacht.
Ich habe ja vor von dem Essen meiner Lehrerin zu erzählen, aber chronologischer wird es, wenn ich mit meinem kleinen Kung-Fu-Kumpel beginne, denn der ist ihr Sohn und etwa 5 oder 6 Jahre alt. Chinesen sind ja, wenn man älteren DDR-Biologiebüchern glauben mag, bekanntlich von kleinem Wuchs – halte ich aber für überholt, ich bin 1,78 m groß und werde hier mehr überragt als das ich herabschaue – physikalisch. Ich beginne erst mal mit einem anderen “kleineren” Kung-Fu-Kumpel, es begab sich vor 2 Wochen, dass wir in kleiner italienisch-kanadisch-deutscher Gruppe unterwegs waren und einen Spielzeugwarenladen verließen, wer mich kennt, der weiß das solche Läden bei mir zu großer Begeisterung führen können – auf die Nanjing Road laufend, wedelte ich irgendwelche Kung-Fu-Bewegungen mit meinen Armen zurecht und prompt wurden wir von einigen Chinesen angesprochen und es wurden ein paar Tips angenommen, gelacht und umstehende Leute wollten Blut, nein, Kämpfe sehen (nicht wirklich). Berfreit von einigen Zuschauern hatte ein Chinese (etwas kleiner) seine ersten nicht-chinesischen Freunde gewonnen und wir lernten Motivationssprüche aus bekannten Ratgebern “man kann alles schaffen, wenn man fest daran glaubt”, schauten zu, wie der 28 Jährige (sah aber älter aus) Zigaretten aus der Hand in seinen Mund schnippst und große ehrlich Freude schien sich in ihm breit zu machen. Der Kung-Fu Freund wich uns nicht von der Seite und begleitet uns auch in ein russisches Restaurant, in dem unsere italienischen Freunde essen wollten, dort spendierten wir ihm ein Bier und hinterrücks lieh er sich 20 Yuan (2 €) für Zigaretten bei Michel, soweit so gut. Nette Musik (nicht! – Chinesen die Popmusik vertonen), Laserlicht, russische Speisen (etwa 3 €) und der Rauch unseres Freundes machten uns dann müde und wir wollten uns auf den Heimweg begeben. Wir verabschiedeten uns vom Kung-Fu-Freund, doch der hing dann weiter an meiner Seite und bat mich dann mehrfach um 100 Yuan (für Rechenfaule 10 €), die ich auch garantiert morgen oder am nächsten Wochenende an der Stelle, an der wir ihn trafen wiederbekommen möge – so verlor ein scheinbar guter Freund seine Glaubhaftigkeit vor uns und irgendwie traurig, dass sein Drang nach Geld stärker als die “echte” Freude ist Menschen andere Kulturen kennenzulernen. Nicht lustig, aber eine wichtige Lektion.
Nun zum echten kleinen Kung-Fu-Kumpel, der mit der unglaublichen Niedlichkeitsaura eines chinesischen Kleinkindes, in den Ausspracheunterricht unserer Lehrerin mitgeschlendert kam. Der kleine “Tian Tian” ist ungefähr 5 oder vielleicht 6 Jahre alt und wurde als der Sohn vorgestellt. Am Anfang der Stunde sangen wir wieder – das völlig ideologiefreie Kinderlied “Ich liebe den Tian An Men”, mit so kostbaren Textstellen, wie “…dort wo die Sonne auf den Führer Mao seint…” und noch unsicher in Text und Melodie nahm uns das der kleine Tian Tian vorweg und sang am lautesten mit und vorraus. Er verteilte dann die “Mooncakes”, die seine Mutter für uns zum Verkosten für das anstehende Mondfestival eingekauft hat – und ja, die waren essbar, aber dem kleinen Tian Tian schmeckten sie am besten. Kurz vor der Pause durfte er auch noch einmal kurz mit seinem Holzschwert wirbeln und sein “Kung Fu” zeigen und in der Pause bot ich mich als sein Gegner an und der Schulhof gehörte uns – der große westliche Kämpfer gegen diesen kleinen süßen Chinesenkämpfer – niedlich und ich verlor natürlich, damit ich meine hart erarbeiteten chinesischen Kung-Fu-Sätze ausprobieren konnte (“Mein Kung Fu ist stärker als deins.”, “Mein Kung Fu ist einzigartig auf der Welt” und “Du musst noch viel lernen”), diesmal mit vertauschten Rollen (versteht sich). Das Spektakel wurde per Digicam festgehalten und ich wurde in der Pause von der Lehrerin zum Abendbrot des “Moonfestivals” eingeladen. Und bei chinesischem Essen – bin ich ja sowas von dabei!
Der Abend kam und ich fuhr mit 3 ihrer Studenten (im übrigen Chinesen – nicht von unserer Schule, sondern Literaturstudenten, Frau Wan ist Schriftstellerin) zu ihrem Haus. Es roch schon angenehm und Frau Wan und ihre Ayi (=Tante bzw. bedeutet Haushälterin) waren schon in Schürze und Montur am kochen, wir nahmen Platz und bekamen heißes Wasser gereicht (Chinesen trinken das gern) und halfen Bohnen sowie Knoblauch zu schälen. 3 Becher heißes Wasser später wurde aufgetischt – Hühnerfüße, verschiedenes in Streifen geschnittenes Gemüse, Algen, scharfes Gemüse, süß-saure Gurken, einen Fisch und als Kröhnung Krabben – gefesselt und gekocht. An Hühnerbeinen ist nicht allzuviel dran, aber als Knabberei ist es nett, wenn man auch sonst gern herumpult, abbeißt und saugt, alles andere war superlecker. Chinesisches Essen ist anders als Deutsches – alle Speisen befinden sich in der Mitte des Tisches und es wird mit den auf den Tellern befindlichen Essstäbchen in die eigene Schüssel geschaufelt und von dort wandert es (mit den eigenen Stäbchen) in den Mund, dabei darf ausgespuckt, geschlürft, geredet und gelacht werden – lustig und toll. Bei dem Essen und zerlegen des Krebses, brauchte ich aber Hilfe (bisher habe ich nur einen fritierten (im Ganzen) in den Yuyuan-Gärten verdrückt – mache ich auch bei Shrimps so, ich mag die unterschiedlichen Konsistenzen) – man befreit den Krebs von seinen Fesseln und bricht die Beine und Scheren ab, dann bricht man die Hülle auf und popelt alles essbare aus Scheren und Körper, tunkt dieses in eine Knoblauch-Sojasoßenmischung und genießt – megalecker!
Beim Essen kam es dann zu einigen witzigen Versprechern meinerseits, erst wurde ich gefragt wie lange ich in Shanghai studiere und ich versprach mich zu “noch 100 Jahre”, ist auch nicht ganz unwahr, denn ich würde wirklich gern für immer bleiben und dann kam man ganz schnell zum Thema “Adolf Hitler”, das tat ich mit “der war verrückt” ab und meinte ein neues Thema habe angefangen, dem war aber nicht so. Ich wurde gefragt ob ich “You Tai Ren” mag, ich dachte das sei vielleicht etwas zu Essen und nach all der Bestätigung und vielen Aufzählungen was ich alles in China mag, dachte ich, ich sag einmal das ich die oder das nicht mag. Die Augen am Tisch wurden größer und ich sollte bitte erklären, auch gern auf englisch warum ich keine “You Tai Ren” mag, da merkte ich, irgendwie laufe ich gerade auf dem Holzweg – ich bekundete nicht zu wissen was “You Tai Ren” sind und das Chinesisch-Englisch-Wörterbuch versprach Aufklärung “You Tai Ren” = “Jews” (Juden) Aha! Natürlich habe ich nichts gegen die und erzählte von meinem jüdisch geborenen kanadischen besten Kumpel und wies nochmal auf die mentale Verfassungs Hitlers hin und es wurde gelacht und die beiden Versprecher versanken in Gesprächen und dem Schmatzen und Schlürfen der Suppe.
Vor dem Nachtisch kam dann auch der kleine Tian Tian nach Hause und es wurde gekämpft und es gab Eismooncakes von “Häagen Dazs”, ich möchte nicht wissen, was die gekostet haben – der kleine Tian Tian ging dann in’s Bett und ich nach Hause.
Heute hatte ich Unterrich von 8 Uhr bis 12 Uhr und man nimmt uns dank der Festwoche ein großes Stück Wochenende, wie letze Woche Sonntag, in der Festwoche hatten wir Gäste aus Peking und wir besuchten in einem Tagestripp “Suzhou”. “Suzhou” ist klein, alt, chinesisch, mit Touristen überfüllt und voller Tempel und Gärten, wird gern als Venedig Chinas bezeichnet – ist es aber meines Erachtens nicht, dafür habe ich zu wenig Wasser gesehen. Der Löwengarten war toll und man konnte dort ordentlich auf Felsgesteinen herumklettern und mein Prachtfoto entstand (dieses werde ich nachreichen) und mit Tempel- und Gärtenkoller ging es wieder nach Hause.
Die Ganoven hebe ich mir für das nächste mal auf…

Bis Bald!
Euer Kung-Fu-Meister Björn!

3 thoughts on “Unterricht an Samstagen, Versprecher und Ganoven

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